"Mackie Messer" Kinostart 13.9.

Ein visueller Orgasmus vom Brecht-Wunderwuzzi

Ein Brecht-Wunderwuzzi nimmt sich der Dreigroschenoper an, heraus kommt mehr: Der "3Groschenfilm" ist 3 Filme in einem - mit wunderschönen Bildern.
Die Masse hätte gern einen seichten Film, einen echten Blockbuster, der Macher wünscht sich radikale Gesellschaftskritik - daran hat sich in 100 Jahren nichts geändert. "Die Kunst spiegelt die Wirklichkeit", heißt es in "Mackie Messer. Brechts 3Groschenfilm". Anwendbar ist das auf die Ereignisse, die dem Film zugrunde liegen genauso wie auf den Film selbst.

3 Filme in einem

Knapp vor der Hitler-Zeit verklagte Autor Berthold Brecht die Filmfirma, die sein berühmtestes Werk, "Die Dreigroschenoper" verfilmen wollte. Aus dem Film wurde damals nichts. Heute dafür umso mehr. Der "3Groschenfilm" ist 3 in einem: Ein Film über die "Dreigroschenoper", deren Making-off und ein Film über die Verfilmung.

Von Mackie Messer zum halsabschneidenden Manager

Auch für den "3Groschenfilm" gilt: Die Masse der Zuschauer würde sich den Film etwas seichter wünschen, während der Macher Joachim A. Lang endlich all die Gesellschaftskritik unterbringt, die Brecht in den 1920ern und 30ern verwehrt blieb. Zusätzlich zieht Lang Parallelen zur heutigen Zeit, zu Wirtschaftskrise, Finanzblasen und die Macht der Manager einerseits, andererseits thematisiert der Macher aber auch das Wiedererstarken von rechten Tendenzen. Damals kündigte sich der Nazi-Terror an, heute dräut wieder etwas und hängt wie eine Gewitterwolke über Bevölkerung, Gesellschaft und Kunstschaffenden.

Was es über Brecht zu wissen gibt, Lang weiß es

Joachim A. Lang ist ein Brecht-Wunderwuzzi. Er leitet das Brecht-Festival, hat zum Thema Brecht seine Magister- und Doktorarbeit geschrieben, machte über ihn Mini-Serien, mit Claus Peymann eine Gala zu Brechts 50. Todestag und veröffentlichte Bücher zu seinem Herzensthema. Bei seinem ersten Brecht-Kinofilm hat Lang versucht, sein Wissen an die Zuschauer weitergeben. Kein Wunder, dass der Film 130 Minuten dauert. Kurz ist bei "Mackie Messer. Brechts 3Groschenfilm" nicht einmal der Titel.

Trailer:



Moretti und Raabe mit Ohrwurmgarantie

Der tolle Cast darf nicht nur die Figuren in der Dreigroschenoper und dem Dreigroschenfilm spielen, sondern auch die Schauspieler dahinter. Tobias Moretti (Mackie Messer) singen zu hören ist ein Highlight, auch wenn ihm Gaststar Max Raabe beim "Moritat von Mackie Messer" ein bisschen die Show stielt. Aber Achtung: "Das Moritat von Mackie Messer" hat in 100 Jahren nichts von seiner Ohrwurmqualität eingebüßt. Man bekommt "Und der Haifisch, der hat Zähne" nicht mehr aus dem Kopf.

1.000 Mal gesungen, sogar von Sting (auf Deusch!): "Moritat vom Mackie Messer":



Besetzungsvolltreffer

Lars Eidinger als Brecht nuckelt an seinem Zigarrenstumpen, bis man den beginnenden Zungenkrebs selbst spürt. Joachim Król, als Peachum, Hannah Herzsprung als Polly/Carola Neher, Christian Redl als korrupter Obersheriff Tiger Brown, Robert Stadlober als Kurt Weill - die Dichte an Talent ist enorm.

Gordischer Handlungsknoten ohne Verwirrungen

Der "3Groschenfilm" wurde ein visueller Orgasmus. Wunderschöne Bühnenbilder, tolle Kostüme und ein ständiges Hin- und Herspringen zwischen den Erzählsträngen des geplanten Film, Brechts Dreharbeiten und den Streitereien darum. In nur einem gekonnten Kamerazoom wechselt Lang zwischen den verschiedenen Ebenen, in einer Einstellung springt er sogar von einem Jahrhundert ins Nächste. Gekonnt gemacht, einfach nachzuvollziehen, nie verwirrend - eine Meisterleistung.

"Die Moritat von Mackie Messer" - Version aus dem Jahr 1929:



Alles super, alles toll, aber ...

Cast toll, Erzählung toll, Umsetzung ein visueller Orgasmus - trotzdem gibt es einen Haken. Dass Lang DER Brecht-Kenner ist, wird für den Film zum Stolpersteinchen. 130 Minuten lang tut sich immer etwas und trotzdem gibt es Längen. Lang könnte sicher tagelang über Brecht dozieren. Zuviel des Wissens kann aber auch ein Hindernis sein. Wäre der "Dreigroschenfilm" eine halbe Stunde kürzer, Lang hätte sich - und uns - einen Gefallen getan. Entgehen lassen sollte man sich den "Dreigroschenfilm" trotzdem nicht.

"Mackie Messer. Brechts 3Groschenfilm" läuft ab 13. September in Österreichs Kinos.

(lam)

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